You are currently viewing Essen und Trinken: Wir können den Patienten doch nicht verdursten lassen!

Essen und Trinken: Wir können den Patienten doch nicht verdursten lassen!

Wer als Pflegekraft arbeitet, wird irgendwann einen Menschen beim Sterben begleiten. Primär eine Sache rückt sehr stark in den Vordergrund, derjenige stellt das Essen und Trinken ein.
Was vor allem bei Angehörigen mit Unverständnis aufgenommen wird, hat tatsächlich auch einen umfangreicheren Hintergrund als einfach nur der Verlust der Fähigkeiten.
Unser Hungerzentrum befindet sich im Hypothalamus, also einem kleinen Anteil des Gehirns, welches über Hormone im Blut das Hunger- und Sättigungsgefühl steuert.
Das Hungerzentrum erhält zur Beurteilung des Bedarfes, Rezeptorsignale, welche für den Blutzuckerspiegel zuständig sind. Bei abfallendem Blutzucker steigt der Signalpegel und aktiviert die Ausschüttung des Hungerhormones. Sobald nun der Insulinspiegel steigt, welcher auf die erhöhten Blutzuckerwerte reagiert, wird ein Signal zum Hungerzentrum gesendet, welches im Gegenzug nun Sättigungshormone ausschüttet.
Neben dem Blutzuckerspiegel gibt es noch sekundäre Signale wie die Dehnungsrezeptoren im Magen.
Das Durstgefühl ist deutlich komplexer von den Signalen angelegt, erhält seine Steuerung aber auch über den Hypothalamus. Im zentralen Nervensystem wird unter anderem die Osmolarität des Blutes bewertet sowie die Konzentrationen von Elektrolyten. Der Trigger ist nicht nur ein reines Hormon, sondern wird auch durch die Rückresorption von Wasser ins Blut stimuliert. Durch Austrocknung von Schleimhäuten im Mund und Rachenbereich greifen viele automatisch zum Trinken.
Wenn ein Mensch stirbt, registriert das Gehirn dieses viel früher als das Bewusstsein. Das Gehirn versucht durch Anpassung des Organismus alles Notwendige zu verlagern, um diesen Prozess noch einmal rückgängig zu machen. Die Aufnahme von Nahrung und Trinken verbraucht Unmengen an Energie und schwächt den Körper des Menschen zusätzlich.
Hier findet nun eine Umstellung statt, es werden vermehrt Sättigungshormone ausgeschüttet, die das Hungergefühl aussetzen lassen, sowie die Ausschüttung von Dursthormonen reduziert. Lediglich die trockenen Schleimhäute sorgen dafür, dass der Mensch noch länger Durst empfindet, bis eine Gewöhnung stattfindet.
Nahrungsaufnahme und Verdauung sind stillgelegt und laufen auf absoluter Reserve, im Gegenzug fahren auch die Nieren und Leber ihre Leistung runter. Die Hauptversorgung des Blutzuckerspiegels wird durch die Reserven in Muskeln und Leber gewonnen sowie irgendwann durch den Umbau in Ketonkörper. Ab diesen Moment ist auch eine Ernährung über Magensonde oder Gabe von Flüssigkeit kontraproduktiv. Die Nahrung wird nicht mehr verarbeitet und die Nieren schaffen die Filterung nicht mehr. So kommt es zur Einlagerung von Flüssigkeit ins Gewebe, schlimmstenfalls sogar zu einem Lungenödem (Bitte nicht mit Todesrasseln verwechseln).

Neue Prioritäten anstatt Essen und Trinken

Das Sinken des Flüssigkeitshaushaltes hat auch noch andere Vorteile. Umso weiter dieser absinkt, umso weniger Schmerzreize werden vom Gehirn ausgeschüttet.
Das „Verhungern und Verdursten“ wird von der sterbenden Person nicht als solches wahrgenommen. Um der Person etwas Gutes zu tun, ist eine umfangreiche Mundpflege, sofern sie gewünscht und toleriert angesagt. Die Wünsche des sterbenden stehen jetzt im Vordergrund und sind maßgeblich, um sein Wohlbefinden stabil zu halten.
Durch die Reduktion der Energieversorgung sind viele Maßnahmen für den Menschen anstrengend. Muskeln neigen zu verkrampfen und die Schmerzrezeptoren der Haut können selbst auf Berührungen anfänglich überspitzt reagieren.
Beschränken sie sich auf das Gewünschte und Notwendige.

admin

Freiberuflicher Dozent im Gesundheitswesen